Autor: Morimi Tomihiko
Originaltitel: 夜は短し歩けよ乙女 Yoru ha mijikashi arukeyo otome
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Romantik

Gewann den 20. Yamamoto-Shūgoro-Preis (2006), den 2. Großen Preis der Buchhändler (2007) und wurde für den 137. Naoki-Preis nominiert (2007).

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Kapitel 1
Die Nacht ist kurz, nun ziehe weiter

Dies ist nicht meine, sondern ihre Geschichte.

In unserer mit Schauspielern überfüllten Welt versucht ein jeder verschlagen, die Hauptrolle an sich zu reißen. Doch sie war – ohne es zu beabsichtigen – die Hauptdarstellerin jener Nacht. Sie selbst war sich dessen nicht bewusst und ist es wohl auch heute noch nicht.

Dies ist sowohl eine Aufzeichnung darüber, wie sie erhaben den Weg durch eine alkoholgetränkte Nacht beschritt, als auch eine Aufzeichnung darüber, wie ich mich mit den Steinen am Wegesrand zufrieden gab, ohne selbst an eine Hauptrolle zu gelangen. Ich möchte den verehrten Leser darum bitten, beides – ihre Niedlichkeit und meine Dummheit – aufmerksam lesend zu genießen und den Charme des Lebens, der im Geschmack einem süßlichen Mandeldessert gleicht, nach Herzenslust zu kosten.

Ich hoffe, dass Sie sie auf ihrer Reise unterstützen.

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Wissen Sie, worum es sich bei der „Freundschaftsfaust“ handelt?

Wenn die Notwendigkeit entsteht, zum Beispiel einem nahestehenden Menschen die eiserne Faust in die Wange zu schmettern, ballen die Menschen ihre Finger fest zusammen. Stellen Sie sich nun bitte eine solche Faust gut vor. Der Daumen windet sich von außen um die anderen Finger, umschließt sie wie ein Metallbeschlag. Gerade dieser Daumen ist es, der einer eisernen Faust ihre eiserne Qualität verleiht und Wange und Stolz des Gegenübers vollständig zermalmt. Die Geschichte lehrt uns, dass auf die Ausübung von Gewalt unvermeidlich weitere Gewalt folgt; die durch den Daumen geborene Gewalt verbreitet sich wie ein uraltes Feuer auf der ganzen Welt und wir müssen letztendlich, umgeben von Chaos und Elend, alles Schöne und Schützenswerte die Toilette hinunterspülen.

Doch öffnen Sie nun einmal diese Faust für einen Moment und schließen sie dann wieder, indem Sie den Daumen mit den anderen vier Fingern umschließen. Dadurch verändert sich die männlich-grobe Faust und verströmt plötzlich eine verlegene Drolligkeit, wie die Pfote einer Winkekatze. Solch eine Faust ist schlicht albern und es ist nahezu unmöglich, echten, von Herzen kommenden Hass in sie fließen zu lassen. Durch das Ballen einer solchen Faust wird die Kette der Gewalt unterbrochen, die Welt gerät in Einklang und uns eröffnet sich die Möglichkeit, das Schöne auf der Welt noch für eine kurze Weile länger zu bewahren.

„Wenn du den Daumen innen drin versteckst, kannst du sie gar nicht fest zusammenballen, selbst wenn du es wolltest. Es ist dieser unauffällig versteckte Daumen, in dem sich die Liebe zeigt.“

So erzählte es ihr ihre Schwester.

Ihre Schwester zeigte ihr die Freundschaftsfaust, damals, als sie noch klein gewesen war.

Dann fuhr sie fort:

„Hast du verstanden? Als Frauen dürfen wir nicht ununterbrochen mit eisernen Fäusten um uns werfen. Doch in dieser Welt kann man die Weisen und Edelmänner an zehn Fingern abzählen. Der Rest besteht aus schmierigen Grobianen, unglaublichen Idioten und Personen, die beides gleichzeitig sind. Deswegen wird es Momente geben, in denen du die Eisenfaust, die du nicht schwingen willst, schwingen werden musst. Verwende dann die Freundschaftsfaust, die ich dir beigebracht habe. In einer fest geschlossenen Faust liegt keine Liebe, aber in der Freundschaftsfaust schon. Wenn du die Freundschaftsfaust gebrauchst und elegant durchs Leben gehst, eröffnet sich dir eine schöne Lebenszeit voller Harmonie.“

Eine schöne Lebenszeit voller Harmonie. Diese Worte bewegten ihr Herz damals ungemein.

Und deswegen hatte sie nun die Freundschaftsfaust als Trumpf in der Hinterhand.

**

Es war später März, als das Grün der jungen Blätter begonnen hatte, seine Frische zu verlieren.

Es hieß, dass ein Ehemaliger meines Universitätsclubs mit dem Namen Akagawa heiratete und dass es eine Feier im kleinen Kreis geben sollte. Ich hatte zwar kaum jemals ein Wort mit ihm gewechselt, doch da er auf gewisse Weise eine Art Lehrer für mich gewesen war, war ich auf der Feier erschienen. Auch einige andere aus dem Universitätsclub waren da, und unter diesen Leuten war auch sie. Für sie war Akagawa ebenfalls auf eine gewisse Weise eine Art Lehrer gewesen, wenn auch in anderer Form als bei mir.

In einer dunklen Straße, auf die man gelangte, wenn man von der Kreuzung Shijō-Kiyamachi den Takase-Fluss hinunterging, stand ein altmodisches, dreistöckiges Restaurant in Holzbauweise, das westliche Gerichte anbot. Aus den Fenstern strömte warmes Licht auf die Bäume, die sich am Takase-Fluss aneinanderreihten.

Dieser Anblick allein verströmte bereits Wärme, doch drinnen war es noch wärmer. Nein, es war heiß.

Die inbrünstige Art und Weise, wie die beiden Hälften des frischgebackenen Ehepaars, als fürchteten sie nicht einmal den kaltblütigsten Gott, Photos von sich machen ließen, während sie sich – die Braut im Arm des Bräutigams – gegenseitig mit Küssen überhäuften, war wahrlich ungezwungen und brachte die Anwesenden Gäste im Nu buchstäblich zum Glühen.

Der Bräutigam war ein Bankangestellter, der in einer Zweigstelle an der Karasuma-Ōike-Kreuzung arbeitete und die Braut ein Forschungsmitglied in einer Destille in Fushimi. Sie waren wagemutige Exemplare, die sie sich nicht im Mindesten um die Meinung ihrer Eltern scherten; keiner der beiden hatte die Alten des anderen bisher je gesehen. Sie hatten sich in ihrem ersten Unijahr kennengelernt (usw.), unzählige Aufs und Abs erlebt, Felder, Berge und Täler überwunden (usw.) und waren nun in diese unansehnliche Situation geraten (usw.).

Die Angelegenheit war für sich genommen bereits uninteressant genug – es hätte im Gegenteil von Abnormalität gezeugt, tatsächlich Interesse daran zu zeigen, zumal ich weder den Bräutigam noch die Braut wirklich kannte. Ich vertrieb mir meine Zeit damit, das Essen auf dem Teller vor mir in mich hineinzustopfen und sie, die an der Ecke des Tisches saß, zu beobachten.

Sie war dabei, das Schneckenhaus, das einsam auf der Kante ihres Tellers lag, eingehend und mit tiefem Interesse zu betrachten. Es erschloss sich mir nicht, was sie an den Überresten einer Schnecke fand, doch zumindest ich als Betrachter hatte Freude an diesem Anblick.

Sie war im selben Club wie ich, nur ein paar Jahrgänge unter mir und ich hatte mich sozusagen auf den ersten Blick in sie verliebt, bisher aber noch keine persönlichen Worte mit ihr gewechselt. Ich hatte gedacht, dass ich heute, wie man so zu sagen pflegt, eine gute Chance haben könnte, doch bedingt durch die strategische Niederlage meinerseits, sich nicht neben ihr platziert haben zu können, drohte mein gesamter Plan, sich in Luft aufzulösen.

Plötzlich erhob sich der Moderator der Veranstaltung.

„Also, dann wollen wir jetzt zur Ansprache der beiden frisch Getrauten, Herrn Akagawa Yasuo und Frau Tōdō Naoko kommen. Wenn ich sie beide bitten darf?“

Die Braut hieß also Tōdō Naoko. Das erfuhr ich erst jetzt.

**

Die Feier im westlichen Restaurant war aufgelöst worden und die Gäste strömten vereinzelt auf die Straße hinaus. Inmitten von Leuten, die beschwingt zu einer zweiten Feier andernorts aufbrechen wollten, schaute ich angestrengt und mit Argusaugen nach, ob auf der Straße nicht irgendwo das rote Band des Schicksals lag, das mich mir ihr verbinden sollte.

Doch ich war enttäuscht als ich sah, wie sie sich vor den anderen verbeugte und alleine aufbrach. Es sah danach aus, als würde sie nach Hause gehen. Also hatte es keinen Sinn, sich einfach so auf die zweite Feier mitschleppen zu lassen. Ich wand mich aus dem Tross heraus und folgte ihr. Sätze wie „wer wird denn sofort nach Hause gehen, junge Dame, wie wäre es mit einem Becher Sake zu zweit?“ kamen mir nicht über die Lippen. Mir fiel kein guter Spruch ein, aber vorerst ging ich weiter.

In Shijō-Kiyamachi, neben dem oberirdischen Ausgang des Bahnhofs Hankyū-Kawaramachi, herrschte reges Treiben. Dort standen Jugendliche mit Gitarren und Leute, die ihnen entzückt zuhörten, trieben sich Kerle in schwarzen Anzügen herum, die sich an den vorbeigehenden Frauen festbissen, und tummelten sich munter unzählige Menschen, jung und alt, auf der Suche nach der nächsten Sitzstange.

Gerade als ich dachte, dass sie auf die große Shijō-Brücke abbiegen würde, überlegte sie eine kurze Weile und ging dann geradeaus nach Norden weiter.

Der Takase-Fluss, an dem sich die Bäume reihten, lag in dichtem Dunkel. Dahinter drang ein orangefarbener Schein aus dem Café „Muse“. Dort vor dem „Muse“ warf sie sich – nachdem sie, wie um sich ein Herz für das Kommende zu fassen, einem zweibeinigen Roboter gleich ein paar Mal aufgestampft hatte – in die Brust und bog in die dahinterliegende Gasse ab.

Dort verlor ich sie.

Vor meinen Augen erstreckten sich ein von Mehrfachnutzungsgebäuden eingequetschtes, dubioses Pflaster und rosa leuchtende Läden. Ich konnte sie nirgendwo erblicken. Ich verließ die Gasse notgedrungen wieder, da ich ständig von den Männern, die vor den rosa Läden standen, nach drinnen eingeladen wurde. Die gute Chance, die mir so nah erschienen war, war innerhalb eines Augenblicks verlustig gegangen.

So verlasse ich bereits verfrüht die Bühne, und sie beginnt mit ihrer Reise durch die Nacht.

Ab hier möchte ich das Erzählen ihr überlassen.

**

Dies ist die Geschichte eines Abends, an dem ich das erste Mal in der Nacht von Kiyamachi aus durch Ponto-chō und Umgebung schlenderte.

Der Auslöser dafür war ein Schneckenhaus gewesen, das auf einer Hochzeitsfeier in einem westlichen Restaurant in Kiyamachi auf dem Rand meines Tellers gelegen hatte. Während ich regungslos den Wirbel des Hauses betrachtete, kam in mir der ungestüme Drang auf, Alkohol zu trinken. Leider kann ich Ihnen nichts Näheres über den Zusammenhang zwischen diesem nur schwer zu unterdrückenden Wunsch und dem Schneckenhaus erzählen.

Doch weil ich an diesem Abend von lauter Kommilitonen aus höheren Semestern umgeben war, konnte ich nicht einfach trinken, wie es mir passte. Außerdem wäre es mit keiner Entschuldigung getan gewesen, wenn mir auf einer Hochzeitsfeier ein Missgeschick passiert wäre und ich das Gesicht meines Lehrers mit Dreck beschmutzt hätte. Also hielt ich mich mit dem Trinken zurück, konnte es dann aber nicht mehr aushalten und entschuldigte mich von der zweiten Feier.

Ich dieser Nacht nahm ich mir vor, einmal allein in die verführerische Welt der Erwachsenen aufzubrechen. Anders gesagt wollte ich nach Lust und Laune trinken, ohne auf ältere Kommilitonen Rücksicht nehmen zu müssen.

Shijō-Kiyamachi und Umgebung war überfüllt mit Leuten, die sich der Nachtschwärmerei hingaben. Diese verführerische Erwachsenenaura! Genau in dieser Umgebung wartete der Alkohol, wartete das Aufeinandertreffen mit der strahlenden Welt der Erwachsenen auf mich, daran bestand kein Zweifel. Jawohl. Ich war ganz aufgeregt und stampfte vor dem Café „Muse“ wie ein zweibeiniger Roboter ein paar Mal auf. Ich wählte die Bar „Moonwalk“ aus, von der mir eine Bekanntschaft erzählt hatte. In diesem Laden konnte man alle möglichen Cocktails für 300 Yen trinken, was ihn zum Gottesgeschenk für Menschen wie mich machte, für die das Portemonnaie nicht der zuverlässigste Partner ist.

**

Ich liebe Rum so sehr, ich wünschte, das gesamte Meerwasser des Pazifiks möge durch Rum ersetzt werden.

Natürlich könnte man ein Glas Rum wie die morgendliche Milch mit Hand an der Hüfte in einem Zug austrinken, doch Beherrschung ist, wenn man solche kleinen Träume in das Schmuckkästchen des Herzens schließt.

Es kann wohl behauptet werden, dass ohne solch unbestimmten Akte der Beherrschung keine schöne Lebenszeit voller Harmonie verbracht werden kann.

Stattdessen erfreue ich mich an Cocktails. Cocktails zu trinken gleich dem gezielten Auswählen einzelner schöner Edelsteine; dabei gerät man in eine ganz luxuriöse Stimmung. Acapulco, Cuban River, Pina Colada. Natürlich interessiere ich mich auf für Cocktails ohne Rum und treffe mit ihnen energisch ein Abkommen über Trinken und Getrunkenwerden. Man kann also sagen, dass ich stets den Wunsch hege, mich rege mit Alkohol jeder Art zu beschäftigen.

Als ich mich so also im „Moonwalk“ nach Lust und Laune am Alkohol erfreute, sprach mich unversehens ein mir unbekannter Mann mittleren Alters an, der sich bis dahin an der Ecke des Tresens aufgehalten hatte.

„Na, liegen Dir nicht irgendwelche Sorgen auf dem Herzen? Das tun sie doch, oder?“

Darauf konnte ich spontan erst einmal nichts antworten. Ich hatte nämlich gar keine Sorgen.

Während ich also schwieg, fuhr der Mann fort:

„Wenn du Sorgen hast, kannst du dich damit an meiner einer wenden.“

Dieser Herr hat aber eine gewitzte Ausdruckweise, dachte ich erstaunt.

Der Mann hieß Tōdō. Er war dünn und schlaksig, hatte ein langes Gesicht und einen Stoppelbart, der aussah, als hätte man auf das Ende einer Gurke Eisensand gestreut. Bei dem Geruch, der mir scharf in die Nase drang, als er zu mir herüberrutschte, handelte es sich wohl um den Geruch seines Männerparfüms, doch darauf folgte auch der wilde Geruch, den Herr Tōdō ganz von sich aus verströmte und erzeugte, sich mit  dem lebhaften Duft des Parfüms vermischend, eine alptraumhafte Tiefe. Ich dachte nach. Könnte es sein, dass es sich bei diesem vielschichtigen, tiefen Geruch um den „Geruch erwachsener Männer“ handelte? Ist dieser Herr etwa einer dieser „Nice Middles“, über die in den Straßen Gerüchte kreisten?

Herr Tōdō lächelte zerknittert, als hätte man ein Stück Holzpapier zusammengeknüllt.

„Lass mich Dir einen ausgeben.“

„Nein, nein, nicht doch.“

„Nur keine falsche Bescheidenheit.“

Ich lehnte noch ein paar Mal ab, doch es wäre umgekehrt auch unhöflich gewesen, auf Herrn Tōdōs Freundlichkeit tatsächlich nicht einzugehen, und in dieser kapitalistischen Gesellschafts geht es nicht billiger als kostenlos.

Herr Tōdō betrachtete mich mit einem höchst interessierten Gesicht, während ich an meinem Getränk nippte. Er hätte wohl eine angenehmere und vergnüglichere Zeit verbracht, wenn er statt mir einen Reiskocher betrachtet hätte. Ich bin eine unelegante Person, der es selbst im Vergleich zu einem Reiskocher an Ausstrahlung mangelt. Oder hatte ich etwa irgendetwas Seltsames im Gesicht? Verstohlen streifte ich mit der Hand darüber.

„Bist Du allein? Sind Deine Freunde auch hier?“

„Ich bin allein.“ sagte ich.

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